Die Unterschiede sind nicht “nur marginal”, sie sind wesentlich

Solidarität ist ein hohes soziales Gut. Wenn also Bauern aus dem integrierten Apfelanbau und ihre Kollegen aus dem Biologischen Anbau bedingungslos zusammenstehen, kann man darin erst mal nur Gutes sehen. In Südtirol hat dieser enge Zusammenhalt allerdings auch konkrete Gründe. Immerhin ist die Südtiroler Obstwirtschaft mit über 18.000 Hektaren eines der größten geschlossenen Apfelanbaugebiete der Welt. Jedenfalls ist es das größte auf unserem europäischen Kontinent. Für Apfel produzierende Biobauern ist es daher selten, dass sie nicht  in direkter Nachbarschaft zu ihren Kollegen aus dem integrierten Anbau stehen. Außer vielleicht an der Peripherie dieses geschlossenen Apfelanbaugebietes. Beispielsweise im Obervinschgau (Mals).

Auch in der Vermarktung sitzen die meisten Apfelbauern im selben Boot. So ist die Bio Südtirol ein wichtiges Mitglied im Zwölfer Bund der größten Vermarktungsorganisation Südtiroler Obstgenossenschaften (VOG). Es wundert also wenig, wenn sich die Bauern mit biologischen Apfelanbau ebenso in der Gefahr sehen, wenn das Boot “Südtiroler Obstwirtschaft” ramponiert würde. Beispielsweise durch den von Landesrat Schuler und 1300 Obstbauern in die Wege geleiteten Gerichtsprozess. Denn die beiden Angeklagten Schiebel und Bär scheinen den Prozess aktiv für sich nutzen zu wollen. Sie gedenken ihre freien Meinungsäußerungen durch eine öffentliche Beweisführung zu verteidigen. 

Dazu könnten Ihnen die von der Staatsanwaltschaft einkassierten Betriebshefte der 1300 Mitkläger durchaus von Nutzen sein. Ihre Auswertung würde immerhin einen umfassenden Einblick in die Praxis des sog. “Pflanzenschutzes” bieten. Sei es was die effektiv angewandten “Pflanzenschutzmittel” betrifft wie auch die Menge, Häufigkeit und Akkumulation bestimmter Wirkstoffe, die beim Sprühen (Spritzen) ausgebracht werden. Passend hierzu titelte die Tageszeitung am vergangenen Wochenende “Wir haben nichts zu verstecken”. Die Aussage stammt vom Biobauern Andi (Andreas) Gschleier, seines Zeichens gelernter Politiker, freiberuflicher Journalist und Vorstandsmitglied der Bio Südtirol. Ihm ist ein zweiseitiges Interview gewidmet.

Darin stellt er fest: “Ja, wir spritzen.” So weit, so gut. Das musste doch mal klar gestellt werden. Denn viele Konsumenten sind immer noch der irregeleiteten Ansicht, im Biologischen Obst- und Weinbau würde nicht gespritzt. Obwohl: Im Bioanbau geht es ja gar nicht um das Spritzen an und für sich, sondern um das WAS. Im WAS nämlich liegt der wesentliche Unterschied. Ihn sollte man verstehen lernen, wenn man den Hickhack rund um Bio und Nicht Bio begreifen möchte. Dass Andreas Gschleier den Unterschied zwischen Bioanbau und Integriertem Anbau aber “nur marginal” bezeichnet, hilft zum Verständnis in keinster Weise. Im Gegenteil. Auch der Umstand, dass er in einem weiteren Interview auf salto.bz Ökologie und Klimaschutz mit in die Diskussion hinein nimmt, ist eher irreführend.

Nein, der Unterschied zwischen Bioanbau und Integriertem Anbau ist nicht “nur marginal”. Er ist wesentlich.  Zwar bemüht sich der Integrierte Anbau, den Nutzen bestimmter Insekten zu integrieren, da ihre natürliche Feindschaft zu unerwünschten Schädlingen erkannt worden ist; daher auch der Name und der Marienkäfer als Aushängeschild. Zu behaupten, das allein sei aber schon so gut wie “BIO”, kann so aber überhaupt nicht stehen gelassen werden. Denn das ist bestenfalls “ökologisch”. So übte ich bereits als Schüler der Laimburg und Biobauer in Umstellung Widerspruch gegenüber meinem Obstbau Lehrer von einst. Immerhin hatten wir in seinem Fach die EU- Richtlinien zum Bioanbau aus dem Jahre 1992 kennen zu lernen. Diese sollten den Konsumenten vor derlei Täuschungsversuchen schützen. 

Genau aus diesem Grund sollte eigentlich jeder Biobauer zu aller vorderst jene beiden Punkte hervorheben, die 1992 als kleinster gemeinsamer Nenner aller Bioverbände zu einem Gesetz formuliert worden waren. Nicht das Spritzen oder die Häufigkeit von Spritzungen sind wesentlich. Auch nicht das Thema Bodenleben oder ökologische Gesichtspunkte wie Transportwege, Regionalität usw. Und schon gar nicht die irreführenden Argumente zum Klimaschutz. Nein, es geht seit Anfang an um folgende zwei wesentliche Grundfesten: Das Verbot von Gentechnik und der Verzicht auf chemisch-synthetische Produktionsmittel jeder Art. Diese sollte durch gesetzlich reglementierte Kontrollen garantiert werden. Biologisch steht demnach für eine Anbauweise, die das Leben (Bio) mit seinen natürlichen Gesetzen (logoi) respektiert und nicht willkürlich in Gefahr bringt. Z.B. durch Gentechnik oder im Labor synthetisierte Wirkstoffe, die dem Leben fremd sind.

Und genau hier kommt der wesentliche Unterschied zum Integrierten Anbau ins Spiel. Klar: Der Integrierte Anbau, auch Integrierte Produktion (IP) genannt,  verfolgt ähnliche ökologische Ziele wie so mancher Bioverband. Und dass der Begriff “ökologisch” synonym mit “biologisch” verwendet werden darf, ist daher nicht hilfreich. Denn unter “ökologischen” Gesichtspunkten sind die Unterschiede teilweise wirklich “nur marginal”; zumindest oberflächlich gesehen. Doch das darf nicht über folgenden Umstand hinwegtäuschen: Um diese Ziele zu erreichen, überschreitet der Integrierte Anbau nämlich bestimmte Grenzen der Biologie auf bedenkliche Weise. Denn seit den 1990ern geht IP im “Pflanzenschutz”  verstärkt neue Wege. Während der Biologische Anbau im Pflanzenschutz bei Kontakt- oder Belag Mitteln bleibt, jedoch nur natürlich vorkommende Wirkstoffe nimmt, greift der Integrierte Anbau zu sog. systemisch wirksamen Wirkstoffen aus dem Chemielabor. Nicht nur beim Pflanzenschutz. Man denke an Glyphosat.

Systemische Pflanzenschutzmittel werden im Chemielabor so designed, dass sie von ober- und unterirdischen Pflanzenteilen direkt in den inneren Saftstrom aufgenommen werden. Daher können sie in den Leitbahnen zirkulieren  und sich in allen Pflanzenteilen von Innen her anreichern. Sie wirken also von Innen heraus. Beispielsweise “kurativ” oder “eradikativ” auf bereits vorgedrungene und ‘verwurzelte’ Pilze. Oder sie wirken tödlich auf das Nervensystem saugender Insekten. Auch Hummeln, Honig- und Wildbienen sowie Schmetterlinge können demnach beim Sammeln von Blütennektar  betroffen werden. Um dies zu vermeiden, werden Regelzeiten bestimmt. So sollen  die Bienen zumindest in der Blütezeit geschont bleiben. Damit andererseits der Konsument nicht zuviel von den “giftigen” Wirkstoffen und/oder ihren Metaboliten (Abbauprodukten) aufnimmt, gelten sog. Wartezeiten. Geerntet werden darf nur, was nach Ablauf der sog. “Halbwertzeit” nur noch die sog. “erlaubte Tagesdosis” enthält. D.h. dass der Wirkstoff großteils zu Metaboliten abgebaut sein sollte.

Aus meiner Sicht bleibt es jedem selbst überlassen, ob man den Festlegungen erlaubter Tagesdosen vertrauen möchte. Oder ob man weiterhin glaubt, Obst und Gemüse durch oberflächliches Waschen von den Spritzmittel Resten befreien zu können. Auch ob für die Kaufentscheidung wirklich nur der Preis oder irreführende Werbekriterien wie Regionalität, Klimaschutz usw. zählen. Also ökologisch-ökonomische Gesichtspunkte. Meiner Ansicht nach ist es tatsächlich töricht zu denken, man hätte mehr für sein Geld, wenn man mehr Gewicht kauft. Denn Obst und Gemüse wird durch chemisch-synthetisch hergestellte Pflanzenhormone und Düngesalze hauptsächlich  reichhaltiger an Wasser. Und Wasser wiegt, nicht die Kalorien. Demnach hat Andreas Gschleier Unrecht, wenn er in seinem Interview auf salto.bz meint: Die im integrierten Anbau erzielten Gewichtsmengen  kommen “aus Sicht des Klimaschutzes” besser weg. Ich persönlich finde es dumm, gewichtige Wasserkonzentrationen in Gestalt von Obst weltweit zu vertreiben.

Wichtig für uns alle ist aber folgender Umstand. Die Wirkung systemischer Pflanzenschutzmittel bleibt nicht auf die Zirkulation im Pflanzensaft beschränkt bzw. auf die Anreicherung der Abbauprodukte (Metaboliten) im Pflanzengewebe. Feinste Sprüher Technik wird benötigt, um geringe Mengen dieser hoch effizienten und teuren Pflanzenschutzmitteln gleichmäßig auf die Pflanzenoberfläche auszubringen. Sog. Abdrift birgt dabei ein sehr großes Risikopotential. Im Obst- und Weinbau viel mehr noch als im Feldbau. Sprühen und Abdrift bringen Spuren der konzentrierten Wirkstoffe nicht nur auf die Pflanzen der Biobauern, die dadurch mit der gesetzlich zu erfüllenden Kontrolle in Konflikt kommen können. Unter anderem kann der Ruf von Bioanbau geschädigt werden, wenn in den gesetzlich garantierten Kontrollen auffällige Spuren von chemisch-synthetischen Wirkstoffen aus Integriertem Anbau gefunden werden. Konsumenten glauben tatsächlich eher an Schwindeleien als an Kontamination.

 Was bei all dieser Diskussion aber noch viel wichtiger ist, ist die Kontamination öffentlicher Flächen. Abdrift betrifft v.a. unser aller Atemluft. Wirkstoffe können aber nicht nur über die Lungen eindringen. Dies gebe ich zu bedenken. Wenn feinster Sprühnebel reicht, um toxische Wirkstoffe in die Pflanze einzubringen, dann nimmt auch der Mensch sie auf. Außerdem haben wir im chemisch-synthetischen Pflanzenschutz dasselbe Grundproblem wie bei chemisch-synthetischen Medikamenten. Nebenwirkungen. Nachwirkungen. Wechselwirkungen. Im Übrigen zeigen sich die  Auswirkungen der Metaboliten (Abbauprodukte) nicht etwa schon in der Phase der regulären Studien. Zumal diese meist auch nur bei Mäusen durchgeführt werden. Schädliche Wechselwirkungen und gravierende Nachwirkungen zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten. Der deutschlandfunk.de titelte am 1.07.2014 nicht ohne Grund “Systemische Pflanzenschutzmittel. Harte Keule, wenig Nutzen”. Darin wird Dave Goulson, Biologieprofessor aus Sussex zitiert: 

Es sieht so aus, als sei der Einfluss dieser [systemischen] Mittel auf die Umwelt viel größer als bisher angenommen. Bisher hat man vor allem den Einfluss auf Honigbienen beachtet, weil Imker die ersten waren, die feststellten, dass ihre Völker starben. Aus all den Studien aber kommen wir zu der Erkenntnis, dass die Geschichte tatsächlich noch größer ist: Diese Pestizide reichern sich im Boden an, sickern in die Flüsse und verschmutzen die Kulturlandschaft, sodass alle Insekten, die dort leben, ihnen ausgesetzt sind. Auch Tiere, die Insekten fressen, bekommen die Auswirkungen zu spüren, weil ihr Nahrungsangebot verschwindet.“ Unter diesen Gesichtspunkten möchte man sich noch mal überlegen, ob Integrierter Anbau wirklich entscheidende ökologische Gesichtspunkte erfüllt. Würde er das, wäre der Begriff “ökologisch” als Werbeaufschrift nicht allein für den biologischen Anbau reserviert und geschützt worden.

Als Fazit gebe ich folgendes zu bedenken: Wenn Pestizide sich im Boden anreichern können, dann auch im menschlichen Bindegewebe, das in der TCM mit dem Erdboden (土tǔ) verglichen wird. Auch aufgrund dieser Erkenntnisse bin ich mittlerweile von der biologischen Landwirtschaft rüber gewechselt auf eine holistische Gesundheitspraxis. Denn mit unseren Bindegeweben sieht es ähnlich aus wie mit dem Erdboden. Durch den Einsatz chemisch-synthetischer Wirkstoffe in der  Landwirtschaft und Medizin werden die natürliche Lebendigkeit und eine gesunde Stoffwechsel Fähigkeit allmählich eingebüßt. Auch das Bindegewebe benötigt Jahre an Umstellungszeit wie auch der Boden in der Biolandwirtschaft. Und das geht nicht allein durch biologische Nahrungs- und Heilmittel. Jenes Gewebe,  das man in der Anatomie Bindegewebe nennt und das im Bodywork Faszien genannt wird, verdient in Fragen der Gesundheit höchste Aufmerksamkeit. 

Gastbeitrag von Martin Kirchler, Holopraktiker (operatore olistico); Biobauer von 1999-2006